wissenschaft in progress


01.02.2009, 10:23 Uhr von Mario Donick

Das Individuum in der Masse

Wie neulich geschrieben, war ich gestern und vorgestern an der Uni Bielefeld, um an der Tagung Von der Klasse zum Cluster. Zum Verhältnis von Medien, Messungen und Sozialität teilzunehmen. Nun bin ich kein Soziologe und ich habe soziologische Ergebnisse bisher nicht um der Soziologie selbst willen herangezogen, sondern dann, wenn sie mir als Ergänzung, Kritik oder Ausgangspunkt meiner (pragma)linguistisch und sozialpsychologisch geprägten Forschungsinteressen dienlich schienen. In diesem Sinne war auch mein Vortrag gestaltet.

Es ging mir darin um die Idee, dass Musikgeschmack, der auf last.fm durch Statistiken in Nutzerprofilen abgebildet ist, als Verstehenskontext für Kommunikation wirkt, da die Statistiken die Generierung und Bearbeitung von Partnermodellen beeinflussen – und zwar stärker und in einer anderen Weise als die sonst üblichen Bestandteile eines Nutzerprofils. Und dass, wenn die Statistiken bestehenden Partnermodellen widersprechen, Irritation entsteht, welche dann kommunikativ geklärt werden muss. Dies habe ich relevanztheoretisch begründet und an einem kurzen Beispiel gesprächslinguistisch gezeigt.

In meinem Vortrag stand also nicht die Messung als solche im Mittelpunkt, und auch nicht die Frage, wie sich im Internet Gruppen durch Messung bilden. Stattdessen war mir wichtig, dass die Ergebnisse von Messungen und deren Präsentation das Entstehen von Kommunikation und deren Inhalte beeinflussen können. Kurz gesagt: Meine Perspektive war auf Paare von Einzelnutzern gerichtet, während die meisten anderen Anwesenden Gemeinschaften bzw. Messpraxis in den Blick nahmen.Tilmann Sutter und Josef Wehner stellten dazu zwei Fragen, die stärker auf die Verbindung der beiden Perspektiven und damit, denke ich, auf die Bedeutung meiner Beobachtungen aus soziologischer Sicht abzielten.

Denn sie führten mich zu etwas, was ich (da es mir um Statistiken in Einzelprofilen ging) ehrlicherweise nicht bedacht hatte: Ebenfalls aufgrund von Statistiken wird einem last.fm-Nutzer ja eine Auswahl von sog. musikalischen Nachbarn vorgeschlagen – Leuten, die angeblich einen ähnlichen Musikgeschmack haben wie man selbst. Bevor man sich überhaupt die Profile dieser Personen angeschaut hat, wird schon der Aufbau von potenziellen Partnermodellen forciert und damit Erstkontakt wahrscheinlicher. Und der zeigt sich dann natürlich ebenfalls in sprachlichen Äußerungen. Obwohl mir als last.fm-Nutzer natürlich die Nachbarschaftslisten bekannt sind, hatte mein Vortrag diesen ersten Schritt ausgespart.

Die Atmosphäre der Tagung schien mir insgesamt sehr von wirklichem Interesse für alle Vorträge geprägt. Das zeigte sich auch daran, dass es fast immer mehr Fragen gab, als Zeit dafür zur Verfügung stand. wink Und jeder Vortrag bot Anknüpfungspunkte für meine eigenen Forschungsinteressen.Insofern war die Tagung aus meiner Sicht sehr wichtig. Gerade dadurch dass ich so ziemlich der fachfremdeste dort war, wurden mir viele neue Perspektiven vermittelt – sowohl was Methoden angeht, die auch für mich nützlich sein können, als auch was die Bedeutung dessen, was verschiedene Wissenschaften erforschen, betrifft.

So, und zum Schluss ein paar Ideen, die ich besonders hervorstechend fand:

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