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14.04.2009, 17:48 Uhr von Wiebke Schwelgengräber

Tagung »Lesekompetenzförderung in Mecklenburg-Vorpommern«

Am 21. März 2009 nahm ich an der Fachtagung »Lesekompetenzförderung in Mecklenburg-Vorpommern« im Innerstädtischen Gymnasium in Rostock teil. Die Tagung richtete sich an Unterrichtsberater und Fachberater Deutsch des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Ziel war die Beschäftigung und Reflexion der Begriffe Kompetenz, Lesekompetenz und Lesen sowie die Frage danach, wie Lesekompetenz gefördert werden kann.

Es ist zwar schon eine Weile her, aber mich hat diese Tagung sehr beeindruckt. Sie war in 2 Teile aufgebaut: Im ersten Teil gab es 3 verschiedene Vorträge.

Prof. Philipp Stoellger (Theologische Fakultät der Universität Rostock) betrachtete in einem sehr lebendigen und durchaus nachdenklich stimmenden Vortrag Lesekompetenz aus hermeneutisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive. Er betrachtete Textlesen als einen Dreierschritt, quasi als eine Dreifaltigkeit des Lesens: Schritt 1 ist das Sehen von Schrift, Schritt 2 ist das Lesen von Sprache und Schritt 3 ist das Verstehen von Text. Mich erinnerte dies stark an die Strukturfunktionsanalyse, die ich Im Grundstudium bei Prof. Heinz-Jürgen Staszak erlernt habe. Was mich beeindruckt hat, war die Akzeptanz kognitionspsychologischer Ansätze, aber eben auch, dass er Grenzen dieser Ansätze aufzeigte. Die hermeneutische Erzeugung von Welt durch Partizipation an Sprache und Sprachgemeinschaft, das Interesse und die Neugier am Gelesenen und Erfahrenen durch das Lesen spielten in seinem Vortrag eine wichtige Rolle.

Im Vortrag 2 unternahm Bastian Schwennigcke (derzeit Promovend an der Universität Rostock) einen Vergleich zwischen verschiedenen Lesekompetenzmodellen aus kognitionspsychologischer Perspektive vor und zeigte auf, was diese Modelle beschreiben können und wo ihre Grenzen liegen (hier geht es zum Vortrag). Er führte einige kleine psychologische Aufgaben vor, um zu zeigen, welche verschiedenen Denkperspektiven es gibt und dass diese durch die vorgestellten Modelle nicht immer erfasst werden können. Zudem machte Bastian Schwennigcke deutlich, dass sich die hermeneutisch-kulturwissenschaftliche und kognitionspsychologische Perspektive nicht zwangsläufig ausschließen müssen, sondern dass beide bei der Betrachtung auf und Beschreibung von Lesekompetenz ihre Daseinsberechtigung haben, weil die eine die Erzeugung von Welt (Imagination) durch Partizipation und die andere die Denkprozesse des Individuums (natürlich auch nur begrenzt) versucht aufzudecken.

Im dritten Vortrag sprach Prof. Josef Leisen (Studienseminar Koblenz der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) über Lesekompetenzförderung in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Er beschrieb uns, wie komplex Schulbücher in den naturwissenschaftlichen Fächern aufgebaut sind am Beispiel eines Schulbuches für das Fach Physik. Der Schüler muss dabei mehrere Sprachen bewältigen (Symbolsprache, Fachsprache, Formeln, mathematische Sprache etc.). Prof. Leisen stellte neben vielen anderen wichtigen Aspekten des Lesens von Sachtexten zehn Lesestrategien und deren Vor- aber auch Nachteile auf (ein Überblick seiner Vorträge findet sich hier).

Durch die Workshops, die im zweiten Teil der Fachtagung angeboten wurden, bekam ich noch einen vertieften Einblick in Methoden des Textlesens. Ich entschied mich für den Workshop bei Sanja Wagner (Fachsprecherin für Englisch an der Integrierten Gesamtschule Darmstadt) zur Förderung von Lesekompetenz im modernen Fremdsprachenunterricht. Daneben gab es noch die Workshops von Dr. Gisela Beste/Susanne Wolter, die das Berliner Lesecurriculum (hier) vorstellten, einen Workshop der Landesarbeitsgemeinschaft Medien e.V. zu den Rahmenrichtlinien M-V und dem Rahmenplan Deutsch Sekundarstufe I sowie die Möglichkeit von medienpädagogisch geprägtem Fachunterricht am Beispiel des Deutschunterrichts sowie einen weiteren, vierten Workshop – geleitet von Dr. Jörg Heinig (Dezernent für das Fach Deutsch in MV) – zur Kompetenzentwicklung durch Differenzierung und welche Rolle Aufgaben- und Textschwierigkeiten dabei spielen.

Sanja Wagner stellte ein Konzept der Textleseförderungskompetenz vor, das v.a. seit einiger Zeit im Englischunterricht in Hessen angewendet wird.Die sog. Question-Answer-Relationships (kurz QAR) wurden entwickelt, um herauszufinden, wie Studenten Textleseaufgaben und das Antworten auf Fragen angehen. Die Methode soll Leser ermutigen, aktive und strategische Leser von Texten zu sein. QAR zeigt an, wo man Antworten auf Fragen (die sich der Schüler auch selbst stellen können) finden kann. So lassen sich z.B. Informationen direkt und explizit im Text finden (right there); think and search meint, dass die Antwort im Text steht, aber an mehreren Stellen verteilt ist und erst durch Kombination erschlossen werden kann; author/text and me meint, dass ein Teil der Antwort zwar im Text enthalten ist, sie aber auch durch eigenes Wissen generiert werden muss; on my own meint, dass man die Antwort nur bei sich selbst auf der Grundlage seines eigenen Wissens und eigener Erfahrung finden kann.Es gibt für die Methode QAR 4 Karten, auf denen die Strategien right there, think and search, author/text and me und on my own abgebildet sind. Diese können die Schüler nutzen, um zu reflektieren, welche Antworten im Text tatsächlich stehen (das ist wichtig für genaues Lesen) und an welchen Stellen er sein eigenes Wissen einbringen muss, um den Text zu verstehen (das ist wichtig für das Beurteilen des Gelesenen).

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Kommentare

Bastian Schwennigcke schrieb am 20.04.2009, 13:21
Probleme und Chancen der Leseförderung

In der Tat eine spannende Tagung. Wichtig erscheint mir der dort unternommene Versuch, die immer noch vorhandene Diskrepanz zwischen der Erklärung des Lesens und dem praktischen Umgang mit dem Lesen zu thematisieren. Wissenschaftliche Ansätze zum Lesen reichem bis dato nicht an die Beschreibung und Erklärung dieser komplexen Tätigkeit heran, so dass gerade in der Frage der Förderung eine blinde Modellhörigkeit nicht hilfreich ist. Wichtig ist es hingegen - und dazu hat die Tagung einen guten Zugang geliefert - die Reichweite wiss. Lesemodelle und der aus ihnen abgeleiteten diagnostischen Werkzeuge einschätzen zu lernen und deren Passung mit praktischen Erfahrungen und Fördervorschlägen zum Lesen prüfen zu können. Nur so ist ein Abbau der Verunsicherung, die durch PISA und Co. ausgelöst wurde, sowie ein kompetenter Umgang mit den Ergebnissen aus diesen Untersuchungen möglich.

 

Wiebke Schwelgengräber schrieb am 20.04.2009, 18:16
Interdisziplinäre Modelle zur Beschreibung von Lesekompetenz

Ist es nicht sinnvoll, ein interdisziplinäres Modell von Lesekompetenz heranzuziehen, um z.B. nicht nur kognitive Aspekte des Lesens zu beschreiben, sondern auch bspw. den ästhetischen. Gibt es Ansätze solcher Modelle? Und bieten sie dann Möglichkeiten der praktischen Umsetzung (v.a. im alltäglichen Beruf des Lehrers) im Hinblick auf die Einschätzung von Lesekompetenz?

 

 

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